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Belgisch sein bedeutet, das Andere zu brauchen, um sich selbst zu bestimmen

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Zu den Wahlen in Belgien : Ein Aufruf gegen das Aufkommen von Nationalismen

Wer kann von sich heute noch behaupten, typisch belgisch zu sein ? Niemand. Jeder. Bedeutet „belgisch sein“ nicht, in aller Bescheidenheit zu akzeptieren, dass man das Andere benötigt, um sich selbst zu definieren ? Das denken die Autoren Quentin Martens, Louis-Alfons Nobels, Antoine de Lame und Sandrine Siegers, in diesem Aufruf gegen das Aufkommen von Nationalismen kurz vor den Wahlen in Belgien.


Auf das klassische Argument „wir haben ja nichts gemeinsam, alles trennt uns“ antworten wir heute mit der Gegenfrage : wer kann von sich heute noch behaupten, typisch belgisch zu sein ? Niemand. Jeder. Bedeutet „belgisch sein“ nicht, in aller Bescheidenheit zu akzeptieren, dass man das Andere benötigt, um sich selbst zu definieren ; die Bescheidenheit zu erkennen, dass man nicht selber der belgische Prototyp sein kann ? Wir leben im Zeitalter der Multikulturalität, und die Belgier waren in der Vergangenheit stets die Vorreiter einer multiplen, komplexen, vagen, zerbrechlichen, aber doch so schönen Identität. Belgisch zu sein bedeutet auch, zu akzeptieren, nicht für sich alleine belgisch sein zu können. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass uns ein Teil von uns entwischt. Belgisch zu sein bedeutet, in uns selbst unseren fremden Teil zu erkennen. Brel sagte einmal, dass ein Land ist viel mehr als etwas Geografisches sei. „Belgisch sein“ ist ein Geisteszustand, eine Lebenshaltung.

Es werden sich immer Gründe für eine Spaltung finden lassen. Heute sind es die sprachlichen Spannungen, morgen werden es vielleicht die sozialen Unterschiede oder religiöse Fragen sein.

Das Andere ist, per Definition, immer anders. Annäherung an das Andere ist keine Frage der Sprache, sondern eine Herausforderung der gegenseitigen Selbstverwirklichung, der wir uns überall stellen können : unterwegs, in unseren Familien, unter Kollegen, in unseren Ehen. Macht dies nicht genau den Kern unseres Lebens aus ?

Wir leben in einer Epoche, in der unsere Identitäten genauso aufgebaut werden müssen wir vor 50 Jahren. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die belgische Identität noch nie eine unveränderliche Selbstverständlichkeit war. Wir mussten sie seit der Gründung Belgiens immer wieder aufs Neue suchen, erfinden und wieder neu erfinden. Aber diese Identität der fortdauernden Suche, dieser permanente Zustand des Wiedererfindens, ist auch gestalterisch. Dies gilt für die Frankophonen wie für die Flamen und die Deutschsprachigen, aber auch die Italiener, Spanier, Marokkaner, Kongolesen und Türken, die sich Belgien als neue Heimat ausgesucht haben. Hätten wir Persönlichkeiten wie Toots Thielemans, Jacques Brel, Arno, James Ensor, Jan Fabre, Magritte, Hergé oder Panamenko hervorgebracht, wenn wir diese komplexe Identität nicht gehabt hätten, oder wenn die belgische Identität sich wie selbstverständlich herausgebildet hätte ? Belgien ist wie aus dem Nichts heraus geboren, und trotzdem repräsentiert es ein Projekt, dem viele Generationen ihr Leben gewidmet haben.

Belgien, Spiegel Europas

Europa ist ein Idealbild des Zusammenlebens. Die Europäische Union ist ein Mittel dazu. Was heute in unserem Land geschieht, stellt uns in den Schatten und reicht über unsere Landesgrenzen hinaus. Heute braucht Europa uns, nicht als Mitgliedstaat, sondern als Modell des Zusammenlebens.

Durch unsere gemischte Gesellschaft, unsere Vielfalt der Kulturen, das Zusammentreffen der romanischen mit der germanischen Welt und unseren Sprachenreichtum ist und bleibt Belgien eines der Labore Europas. Ist unsere Geschichte nicht die europäischste aller Geschichten ? Schon immer sind wir ein Kreuzung der Zivilisationen. Wir sind, ob wir es nun wahr haben wollen oder nicht, ein Symbol. Dies ist in unseren Böden und unseren Köpfen verankert, so wie dem von Paul-Henri Spaak, den das Ideal der Europäischen Einigung geschaffen hat.

Was in Belgien passiert, das Misstrauen anderen gegenüber und Zurückziehen in sich selbst, ist die Büchse der Pandora vieler Mitgliedstaaten. Sprachliche Minderheiten existieren überall in Europa, mit Ausnahme von Portugal. Morgen könnten Schottland, Katalonien oder die slowenischen Minderheiten in Österreich in unsere Fußstapfen treten. Wie können wir dieses Projekt des Friedens und der Wiedervereinigung mit den Ländern Mittel- und Osteuropas bewundern, den Fall der Berliner Mauer - Symbol des Zusammentreffens und der Einheit - feiern, und nicht gleichzeitig bereit sein, selbst die nötigen Anstrengungen zu unternehmen um den Anderen zu verstehen und um mit ihm zusammenzuarbeiten ? Wenn wir in Belgien nicht mehr fähig zum Zusammenleben sind, wer in Europa ist es dann noch ?

Vor dem Hintergrund unserer Geschichte, unserer durch Krisen und Verzweiflung geprägten Aktualität und unserer kommenden Ratspräsidentschaft haben wir die Pflicht, mit gutem Beispiel voran zu gehen.

Die Inspiration der führenden Klasse

Vor 50 Jahren erklärte Paul-Henri Spaak während der Unterzeichnung der Römischen Verträge : „tâchons de léguer au futur la source d’inspiration que nous puisons dans l’immortel passé“. Es ist legitim, sich zu fragen, wo diese Inspiration der führenden Klasse heute geblieben ist.

Man kann es nicht leugnen : die Räume der Begegnung zwischen Frankophonen und Niederländischsprachigen verschwinden langsam : die Medien, die Universitäten und die politischen Parteien sind geteilt. Wir leben heute in einer immer schneller werdenden Zentrifuge. Wir schotten uns ab, ohne uns wirklich zu kennen. Aber ist das ein Grund, um alles aufzugeben ? Ist es nicht eine Selbstlüge, wenn wir unser Ideal der Einheit und alledem, was wir zusammen erschaffen haben, aufgeben ? Lassen wir uns dadurch nicht von dem Bedeutungsverlust vereinbaren, mit dem unsere Gesellschaft Tag für Tag zu kämpfen hat ? Diese Räume der Begegnung müssen neu erfunden werden. Wir müssen alle daran gemeinsam arbeiten : Künstler, Wissenschaftler, Lehrer, Journalisten, Politiker und die Jugend. Jeder von uns trägt einen Teil der Verantwortung. Tauschen wir unsere Verunsicherung ein gegen wirkliche gemeinsame Handlungen.

Stimmt es, dass die Politiker eine sehr hohe Verantwortung für die aktuellen Krise tragen ? Die Politik ist sicher ein schwieriges Feld und zu oft gering geschätzt und verachtet. Aber diese Politik, für die wir uns irrtümlicherweise kaum noch interessieren, scheint sich immer mehr von jeden Idealen abzuwenden. Der beste Beweis dafür ist, dass die Politik die Bevölkerung nicht mehr inspiriert und noch weniger auf ihr Vertrauen zählen kann. Die jahrelange Stagnation und der Niedergang verstärken nur die Frustrationen in der Bevölkerung und führen zur Radikalisierung. Wir sind nun wieder auf dem Weg zu Neuwahlen, und laufen damit Gefahr den letzten Rest an Vertrauen und an Hoffnung, den die Bürger noch in ihre Vertreter haben, endgültig auszulöschen. Man drängt uns immerzu neue Wahlen auf, aber mit welchen neuen Gesichtern ? Mit welchen neuen Stimmen ? Mit welchen neuen Ideen ?

Werden die „Egos“ der Bescheidenheit Platz machen ? Das Misstrauen dem Vertrauen ? Die andauernden Streitigkeiten dem lange erhofften Zuhören ?

Alles ist noch möglich. Sang Brel nicht einmal : „on a vu souvent rejaillir le feu de l’ancien volcan qu’on croyait trop vieux…“

Lehnen wir unsere Verschlossenheit und Unversöhnlichkeit ab. Fordern wir gemeinsam von unseren Politikern Offenheit, Toleranz und Konsens. Fordern wir „Staatsmänner“, die diesen Namen verdienen, keine Politiker. Fangen wir wieder an zu hoffen, um einen neuen Blick auf das zu werfen, was wir sind. Belgisch zu sein bedeutet nicht, sich gegenseitig kritisch zu mustern, sondern sich mit offenen Augen anzusehen.

In weniger als zwei Monaten bietet Europa unserem Land, Belgien, die Chance, dem europäischen Projekt sein Gesicht zu verleihen, indem es ihm das Tor der Europäischen Ratspräsidentschaft öffnet. Dies ist eine große Ehre, aber auch eine nicht zu unterschätzende Verantwortung. Wir haben die Pflicht, ein gutes Vorbild abzugeben. Fragen wir uns : „welches Gesicht wollen wir der Welt zeigen“ ?

Denn belgisch sein bedeutet, das Andere zu brauchen, um sich selbst zu bestimmen.


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