„In 10 bis 20 Jahren wird unsere Gesellschaft ganz schön bunt sein“, stellt Muzaffer Oruç fest. Schon heute, so der Vorsitzende des Herner Integrationsrats, hätte jedes zweite neugeborene Kind einen Migrationshintergrund.
Herne : ‚Klein Istanbul‘ im Ruhrgebiet

- Herne hat 167.000 Einwohner und befindet sich im Zentrum der Region.
Quelle : Wikipedia
Die bunte Gesellschaft, von der Oruç spricht, sie existiert bereits. 50 Jahre nachdem die ersten türkischen Gastarbeiter kamen, leben 2,5 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland, zwei Drittel von ihnen besitzen einen deutschen Pass. Viele der türkischen Gastarbeiter verschlug es in den 1960er Jahren ins Ruhrgebiet – und nach Herne. Die Kohleindustrie mit ihren Zechen bot vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten, Arbeitskräfte wurden überall gebraucht. Was passieren würde, wenn diese Phase des Wirtschaftsbooms mal vorbei ist, darüber machte man sich keine Gedanken. 167.000 Einwohner hat Herne, eine mittlere Großstadt im dichtbesiedelten Ruhrgebiet. 20.000 dieser Einwohner sind Ausländer, hinzu kommen ca. 8000 Deutsche mit Migrationshintergrund. 60% der in Herne lebenden Ausländer stammen aus der Türkei. Der Herner Stadtteil Sodingen wird aufgrund der vielen türkischen Bewohner zuweilen boshaft ‚Klein Istanbul‘ genannt. Man könnte auch sagen, Herne ist der Prototyp der bunten Gesellschaft. Viele Probleme in Zusammenhang mit Integration, denen sich die Politik auf nationaler Ebene stellen muss, finden sich erst recht auf regionaler Ebene.
Nicht informiert über die eigenen Möglichkeiten
Burcu Ersoy sitzt in den Räumlichkeiten der Gesellschaft zur Förderung der Integrationsarbeit in Herne (gif). Sie trägt kein Kopftuch, dafür gerne eine Reihe auffälliger und ausgefallener Mützen und Kappen. Unkonventionell könnte man das nennen. Unkonventionell ist auch das gfi-Projekt, welches Ersoy leitet : Jugend.Start. Burcu Ersoy, das sieht man, freut sich jedes Mal, wenn sie von ihrem Projekt berichten darf. „Wir arbeiten mit Jugendlichen, die seit drei oder vier Jahren nichts machen“, erklärt sie. Diese Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund, sie sind bis zu 25 Jahre alt. Teilweise haben sie keinen Schulabschluss, oder finden trotz Schulabschluss keinen Job, keinen Ausbildungsplatz. Das Projekt läuft im zweiten Jahr, und das sehr erfolgreich. Die ersten ‚Kunden‘ wurden Ersoy und ihren Kollegen vom Jobcenter vermittelt – zumeist ‚hoffnungslose‘ Fälle, die als schwer oder gar nicht vermittelbar galten. Von wegen. „Meistens sind die Jugendlichen einfach schlecht informiert, sie sind schwer vermittelbar aus Unkenntnis“, sagt Burcu Ersoy. „Wir setzen uns für die Jugendlichen ein, aber wir sagen ihnen auch : Enttäuscht uns nicht.“ Sich für die Jugendlichen einsetzen, das tut Jugend.Start, indem das Projekt Netzwerke bildet, seine Kunden an die Hand nimmt und ab und zu einfach mal in Betrieben nachfragt, ob man da nicht einen Auszubildenden oder eine Auszubildende braucht. Ersoy : „Wir schicken die Jugendlichen los und sagen : Stellt euch vor in den Betrieben. Den Jugendlichen fehlt meist die Distanz zu sich selbst. Viele haben einen Hauptschulabschluss und denken, damit können sie nichts machen. Das ist ein Trugschluss.“ Michael Barszap, gfi-Geschäftsführer, ergänzt : „Wir versuchen, den Jugendlichen neue Perspektiven zu eröffnen. Viele von denen wissen gar nicht, welche Ausbildungsberufe es gibt. Da trifft schon das Klischee zu, dass alle Jungs Automechatroniker werden wollen und alle Mädchen Frisörinnen.“ Das Projekt lebe außerdem davon, dass die Mitarbeiter hier aus der gleichen Ethnie seien. Denn die Mehrzahl der Jugendlichen, mit denen das Projekt arbeitet, ist türkischstämmig und muslimisch. Auch wenn man die gleiche Sprache spreche, so Barszap, könne man sich missverstehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass man sich versteht, steigt durch eine gemeinsame Sprache immerhin. Ersoy und ihr Team treffen scheinbar den Ton, denn ca. 74% ihrer Kunden haben sie erfolgreich in Jobs, Praktika und Ausbildungen vermittelt. Durch Zuhören, Mut machen, aber auch mal Klartext reden. Wenn es nötig ist, sogar mit den Eltern : Dann schaut einer der Mitarbeiter bei dem entsprechenden Jugendlichen zu Hause vorbei. Das Erfolgsrezept, das wird deutlich, lautet Hartnäckigkeit.
Warum scheitert Integration so oft, wenn doch manchmal ein wenig gutes Zureden reicht ? Burcu Ersoy überlegt. „Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund sind nicht informiert über ihre eigenen Möglichkeiten. Das führt zu Entmutigung und die nimmt mit den Jahren immer weiter zu, es fehlt oft an positiven Beispielen.“ Zu Beginn des Projekts, gibt Ersoy zu, hätte sie auch jede Menge Vorurteile gehabt angesichts dieses Problemklientels. „Mittlerweile schäme ich mich für diese Vorurteile. Bei vielen Jugendlichen ist ihr unkooperatives Verhalten nur eine Trotzreaktion.“ Bei Jugend.Start können die Jugendlichen einfach vorbeikommen, jederzeit. Wenn sie wollen, können sie den ganzen Tag bleiben. „Etwas anbieten, das macht so viel aus“, davon ist Burcu Ersoy überzeugt.
Ein gutes Stichwort : Bietet die Stadt Herne den dort lebenden Menschen mit Migrationshintergrund in Sachen Integration genügend an ?
„Migranten sind generell in der Parteienlandschaft unterrepräsentiert“

- Deutsche und türkische Fußballfans bei der Europameisterschaft 2008. Die Mannschaften der beiden Länder trafen im Halbfinale aufeinander.
Quelle : http://www.flickr.com/photos/kaiser_t/
Muzaffer Oruç glaubt zumindest, dass Herne sich auf einem guten Weg befindet. „Integration ist ein dynamischer Prozess, man muss immer am Ball bleiben.“ In Herne gibt es deswegen ein Integrationsbüro, einen Integrationscoach (besser gesagt, eine Integrationscoachin) – und den Integrationsrat, dessen Vorsitzender Oruç ist. Der Rat (Amtszeit : fünf Jahre) entstand aus dem 1979 gegründeten Ausländerbeirat. 1994 folgte dann die Gründung des Integrationsrats mit dem Ziel, die Migranten selbst besser in die Institution einzubinden. Insgesamt hat der Rat 23 Mitglieder, 15 davon stammen aus Migrantenselbstorganisationen, acht sind Ratsmitglieder (vier aus der SPD, zwei aus der CDU sowie jeweils ein Mitglied der Grünen und der Linken). Die Zusammensetzung des Integrationsrats ist nach Aussage Muzaffer Oruç‘ im Ruhrgebiet recht einzigartig und fortschrittlich. Er berät die städtischen Organe und ist „in vielen Bereichen tätig.“ Der Integrationsrat, so Oruç, könnte viele Themen ansprechen. Positiv sei dabei, dass sowieso viele der Integrationsrats-Mitglieder in Parteien aktiv seien und so auch dort Themen, die Integration betreffen, ansprechen könnten : „Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass dieses Engagement noch zunimmt. Migranten sind generell in der Parteienlandschaft unterrepräsentiert.“ Paradoxerweise hätte der Integrationsrat seine Arbeit dann besonders gut gemacht, wenn es ihn in einigen Jahren nicht mehr gäbe, wenn eine Institution wie der Integrationsrat überhaupt nicht mehr nötig wäre, weil auch so alles wunderbar läuft. Momentan ein eher unrealistisches Szenario, auch wenn Muzaffer Oruç findet : „Da passiert einiges.“ Schon jetzt würde Integration in der Verwaltung als Querschnittsaufgabe gesehen. Aber angesichts des steigenden Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund in der Region müsse man gewappnet sein, man dürfe „sich nie zurücklehnen.“ Probleme, die bereits heute bestehen, werden sich in Zukunft eher verschärfen, das weiß auch der Vorsitzende des Herner Integrationsrats : „Integration ist kein Thema, das alle interessiert. Man lebt oft nebeneinander her, in Parallelgesellschaften.“
Integrationsarbeit in Herne : zu fragmentiert
Hüseyin Celik lacht bei der Frage nach der Integrationsarbeit in Herne laut auf. „Können sie vergessen“, sagt er. Celik arbeitet für die Gesellschaft Freie Sozialarbeit (GFS) und hat dort oft mit Migranten zu tun. Sein Vater hat ihm erzählt wie das damals war, als die türkischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen : „Die waren fast nur unter sich, auch zu Hause, und wurden nicht betreut. Die haben nur den Namen ihres Werkzeugs auf Deutsch gelernt.“ Dies sei, so Celik, auch auf eine Wohnungspolitik zurückzuführen, die den türkischen Arbeitern möglichst billigen Wohnraum zur Verfügung stellen wollte und so in vielen Städten extra Siedlungen für sie baute. Das Unter-sich-bleiben, es war somit teilweise erzwungen. In den 1970er Jahren hätte sich dann eine Sehnsucht nach der Familie entwickelt, nach den Ehefrauen, den Söhnen und Töchtern. „So hat sich dann eine parallele Gesellschaft entwickelt : Eine Familie hat eine andere nachgeholt und so weiter.“ Celik selbst lebt seit 1980 in Herne, seit 1985 arbeitet er für die GFS. Dort gibt es u.a. das Projekt ‚Yan-Yana‘ – auf Deutsch bedeutet das ‚Seite an Seite‘. „Man muss ein Signal geben, dass die Einwohner Hernes zusammenleben müssen“, sagt Hüseyin Celik. Die Stadt Herne macht dafür seiner Meinung nach noch nicht genug : „Es ist so : Die Stadt bemüht sich. Herne ist eine Stadt, die damals versucht hat, den Migranten die gleichen Chancen anzubieten wie den Deutschen. Sie war eine der ersten, die einen Ausländerbeirat eingerichtet hat.“ Allerdings, so Celik, sei die Integrationsarbeit in Herne zu fragmentiert : „Es gibt die Caritas, die GFS, die AWO… Jede Organisation hat eigene Leute, die sich auf ihre Weise um Migranten kümmern. Wird das ausreichen ? Nein. Wenn ich mich in der Stadtverwaltung umsehe, sehe ich da kaum Menschen mit Migrationshintergrund. Die Stadt Herne bemüht sich in diesem Bereich nicht genug.“ Für Hüseyin Celik, das wird deutlich, ist die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund innerhalb der städtischen Verwaltung und der Regionalpolitik sehr wichtig. Und er geht noch weiter : „Besonders in Einrichtungen, die mit Jugendlichen arbeiten, fehlen Sozialarbeiter und Sozialpädagogen mit Migrationshintergrund. Dabei sind das wichtige Stellen !“ Die GFS versucht, bei Jugendlichen politische Bildungsarbeit zu leisten. Das Problem der Migranten sei oft, dass sie sich zurückziehen, nicht auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft zugehen. „Allerdings“, sagt Hüseyin Celik und lacht wieder laut auf, „sind die Deutschen auch etwas eigenartig.“
„Der türkische Ingenieur fällt nicht auf“

- ... und kein kulturelles Problem. Spielt die Religion also gar nicht so eine große Rolle ?
Quelle : http://www.flickr.com/photos/pilar_...
Vor allem, so sieht es Karl-Heinz Hoffmann vom Flüchtlingsreferat des Eine-Welt-Zentrums des Kreiskirchenamts, haben die Deutschen eine sehr hohe Erwartungshaltung gegenüber Migranten : „Man erwartet quasi, dass ‚der Türke‘ ein besserer Deutscher wird.“ Laut Hoffmann werden die Probleme bei der Integration kleingeredet – und bei Stammtischrunden zu groß geredet. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen. Hoffmann plädiert für eine differenzierte Sichtweise : „Man muss unterschieden zwischen Menschen, die integrationswillig sind, denen aber die Fähigkeiten dazu fehlen. Und es gibt natürlich die Integrationsunwilligen.“ Es sei ja so, betont Hoffmann, dass die Leute, die sich gut integrieren, nicht auffallen würden : „Der türkische Ingenieur fällt nicht auf.“ Allerdings seien ja nicht alle türkischen Einwanderer Akademiker, weshalb man die Türken, die Probleme bei der Integration hätten, „mit ähnlichen Gruppen in Deutschland“ vergleichen müsse. Integration ist für Karl-Heinz-Hoffmann somit vielmehr ein soziales als ein kulturelles Problem.
Integration beginnt auf regionaler Ebene. Der kleine Mikrokosmos Herne, er muss mit den gleichen Integrations-Problemen und –Herausforderungen fertigwerden wie die Bundesrepublik Deutschland. Hier wie dort wird einiges für die Integration insbesondere türkischer Migranten und Migrantinnen getan. Nicht genug, meinen viele. Aber einfache Lösungen kann es nie geben, wenn es um Menschen geht. „Integration ist keine Einbahnstraße“, fasst Muzaffer Oruç zusammen. „Beide Gesellschaften müssen sich öffnen, die Mehrheitsgesellschaft sowie die Minderheitsgesellschaft.“


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