Sieht man in den Medien Politiker über eine mögliche Krise der EU reden, wird oft reflexartig auf die 65-jährige Friedensperiode in EU-Europa verwiesen. Zweifellos ein Erfolg, der nicht hoch genug zu bewerten ist und der gerade bei Menschen, die den 2. Weltkrieg oder die Nachkriegszeit erlebt haben, große Wirkung zeigt. Selbst die Generation der heute 30-jährigen hat einen klaren Bezug zur überwundenen Kriegsgefahr, da meist die Großeltern direkt betroffen waren. Hier aber sieht man deutlich ein neu entstandenes Problem : Frieden alleine ist für Jugendliche, die in den 1990er Jahren geboren wurden, als Argument nicht mehr ausreichend. Nicht jede Krise, nicht jede Diskussion kann damit abgewürgt werden, dass der Frieden in Europa heute gesichert ist.
Man würde es sich zu einfach machen, würde man die schwere Vermittelbarkeit Europas auf die „verwöhnten“ Jugendlichen schieben, die den Frieden nicht zu schätzen wissen. Wie sollten sie auch ? Krieg spielt in ihrem Leben - glücklicherweise - eben keine Rolle.

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Der ständige Verweis auf den Frieden in Europa begeistert Schülerinnen und Schüler allerdings eher nicht ...
Diese Tatsache macht es einem jungen Lehrer in der Schule allerdings nicht leichter, konkret zu antworten, wenn Schülerinnen und Schüler nach einer europäischen Zukunft fragen. Worüber soll er reden ? - Über den Frieden, den die Großeltern nach dem Krieg schufen ? Über die Wiedervereinigung Deutschlands oder die offenen Grenzen, welche die Eltern erkämpften ? Selbst der Euro ist für die Kinder schon immer da gewesen. Und eine globale Wirtschaftskrise eignet sich kaum, um die Besonderheit von Europa zu betonen.
Stattdessen sollte darüber nachgedacht werden, wie man Jugendliche mit Argumenten aus ihrer Lebenswelt für Europa begeistert. Eine Herangehensweise, die in der allgemeinen Pädagogik und selbst in der „trockenen“ Mathematik angewendet wird.
Wieso findet die Vermittlung von Europa am besten in der Schule statt ?
Bei jeder Erziehung oder Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten muss geklärt werden : Wo ist der sinnvollste Ort dafür ? Auch für das Thema „Europa und seine Zukunft“ muss untersucht werden, wer der beste Vermittler europäischer Ideen ist. Der natürliche Reflex wäre, eine Antwort auf diese Frage in der Familie zu suchen. Als Ersatz für die Großeltern, die von den Schrecken des Krieges erzählen, könnten nun Eltern treten, welche die Lebenswelt ihrer Kinder kennen und sie auf die Vorteile durch ein vereinigtes Europa hinweisen. Doch so gut die Eltern die Lebenswelt der Kinder kennen, vielen ist leider trotzdem nicht klar, worin genau die Vorteile von Europa denn genau liegen. Da Europa sicherlich zu komplex ist, um in der frühkindlichen Erzeihung eine Rolle zu spielen, muss der Fokus klar auf die Schule gerichtet werden. Insbesondere, da sich in der Schule zwei Fächer direkt mit der europäischen Idee beschäftigen : Geschichte und Politik/Gesellschaftslehre (abweichende Namen in den verschiedenen Bunderländern).
Der Geschichtsunterricht beschränkt sich dabei auf die Zeit bis 1990 und ist somit für die Vermittlung neuer, frischer und vor allem jugendlicher Ideen von Europa ungeeignet. Er dient eher dazu, die notwendigen Grundlagen zu legen, in Bezug auf die Entstehungsgeschichte der Europäischen Union. Dahingegen stehen die EU und Europa auf dem Lehrplan der verschiedenen Varianten der Fächergruppe Politik/Gesellschaftslehre. Ein Schwerpunkt liegt hier in den Klassen 8 bis 10. Das bedeutet : Den ersten direkten Kontakt mit Europa haben die Jugendlichen in der Schule im Alter von 13 bis 16 Jahren. Bisher steht oft reine Institutionenkunde auf dem „europäischen Lehrplan“, wie das sogenannte 3-Säulen-Modell (Vertrag von Maastricht), die Aufgaben von Kommission und Parlament oder die europäische Gesetzgebung.
Ohne die Notwendigkeit der Vermittlung solcher Grundlagen schmälern zu wollen - eines darf nicht aus den Augen verloren werden : Erfahrungen in der Schule zeigen, dass dieses Wissen oft oberflächlich bleibt und nach kurzer Zeit wieder verloren geht. So stehen dieselben Inhalte in abstrakterer Form in der Oberstufe wieder auf dem Lehrplan. Damit ein nachhaltiges Interesse und eine langfristige Begeisterung für Europa bleiben, muss den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden, wie genau die EU auf ihr persönliches Leben Einfluss hat. Schulversuche in diese Richtung zeigten beeindruckende Ergebnisse. So führten die erkennbaren Unterschiede unter den Schülerinnen und Schülern zu regen Diskussionen.
Mögliche Ansatzpunkte im Unterricht
Dabei ist die Suche viel simpler, als sie zunächst scheint. Einfache Beispiele wie offene Grenzen und gemeinsame Währung können am Sommerurlaub verdeutlicht werden. Es reicht, die Schülerinnen und Schüler von ihrem letzten Urlaub berichten zu lassen. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass die meisten innerhalb der EU verreist sind. Allerdings hat die Lehrerin oder der Lehrer oft das Glück, einzelne Beispiele von reisenden Schülerinnen und Schülern mit Zielen außerhalb der EU in der Klasse zu haben. Ein direkter Vergleich der Einreise nach Frankreich mit der in die USA macht die Besonderheiten offener EU-Grenzen deutlich. Fehlt solch ein Beispiel, kann die Lehrerin oder der Lehrer als Ersatz von einem fiktiven Fall berichten. Dabei ist der authentische Schülerbericht immer vorzuziehen, da sich die Schülerinnen und Schüler dann besser mit den vorgetragenen Fällen identifizieren.
Dazu kommen Schüleraustausche auf europäischer Ebene, welche auch durch das Fach Politik mitorganisiert werden können. Ein Austausch mit Straßburg kann dann nicht nur dem deutsch-französischen Sprachaustausch dienen, sondern sollte mit einem Besuch der europäischen Institutionen verbunden werden.
Aber auch die Begeisterung für sportliche Großereignisse kann effektiv für den Unterricht genutzt werden. So spielt die Türkei wie selbstverständlich bei der Fußball-Europameisterschaft mit. Die Behandlung der Türkei, aber auch von Ländern wie Kroatien oder Weißrussland, wirft im Unterricht ganz natürlich die Frage nach den Grenzen Europas auf - denn diese Länder nehmen nicht nicht nur bei europäischen Sportereignissen teil, sondern auch bei kulturellen Veranstaltungen, wie dem Eurovision-Song-Contest.
Der Unterschied zu „klassischen“ Unterrichtsangeboten liegt auf der Hand. Es wird direkt an die Lebenswelt der Schüler angeknüpft.
Nie aus den Augen verloren werden sollten dabei kontroverse Perspektiven. So könnte die Mitgliedschaft der Türkei in der UEFA (Union of European Football Associations, der europäische Fußballverband) als Ausgangspunkt zur Diskussion über einen möglichen EU-Beitritt genutzt werden. Erste Ideen eines solchen Zugangs kann man z.B. bereits bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württembergs finden.
Auch außerhalb einer möglichen Unterrichtsreihe „EUropa“ gibt es immer wieder Möglichkeiten, auf den Einfluss der EU hinzuweisen. So bei den klassischen Auseinandersetzungen zur Berufswahl, Studienmöglichkeiten oder Fächerwahl, bei denen beispielsweise die Freizügigkeit des Wohn- und Arbeitsortes innerhalb der EU thematisiert werden kann. Diese Betrachtung wird somit um eine europäische Perspektive ergänzt.
Die angeführten Beispiele zeigen, dass die EU durchaus im Leben der Jugendlichen vorhanden ist. Allerdings lebt Europa nicht nur von den schon verwirklichten Ideen anderer.
Europäische Visionen durch die Jugend ?

- Europäisches Parlament in Straßburg
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Ein « Unterrichtsbesuch » zeigt Schülern die europäischen Institutionen von innen
Europa braucht Visionen. Es reicht nicht, die Träume der vorangegangenen Generation nur zu verteidigen. Deshalb braucht Europa auch eine Jugend, die eigene europäische Visionen entwickelt. Was könnte ein sinnvollerer Ort sein, als der „Schutzraum“ Schule ? Hier können Gedanken für die weitere Entwicklung Europas zunächst völlig frei entworfen werden. Am Ende einer Unterrichtsreihe zum Thema Europa könnte dabei ein Projekt stehen, in dem Schülerinnen und Schüler selbstständig ihre Visionen von Europa entwickeln. Dabei ist der Mut der Lehrerinnen und Lehrer und auch eventuell weiterer eingebundener Erwachsener notwendig, nicht sofort jede Idee abzuwürgen und als „unrealistisch“ zu bezeichnen - denn wer hätte vor 60 Jahren im zerstörten Europa schon zu hoffen gewagt, dass in einer Europäischen Union auf absehbare Zeit ein Krieg unmöglich ist ? Damit die EU und Europa weiter eine Erfolgsgeschichte als Friedenzone bleiben, braucht jede Generation ihre eigenen Visionen, jedoch ohne die alten zu vergessen.
Schulische Projekte können dabei von einer einstündigen Gruppenarbeit mit anschließender Schülerpräsentation bis hin zu wochenlangen Ausarbeitungen konkreter Schülerarbeiten in Projektgruppen reichen. Auch der Darstellungsform durch die Schülerinnen und Schüler sind keine Grenzen gesetzt. So spiegelt sich die Idee der freien europäischen Visionen-Suche in den Ergebnissen. Dabei können in Verbindung mit anderen Fächern, wie zum Beispiel Kunst oder Deutsch, europäische Kunstprodukte hergestellt werden, ein Theaterstück entworfen oder auch einfach ein Aufsatz oder ein Artikel für die Schülerzeitung geschrieben werden.
Ganz wichtig : Grenzen sollten um jeden Preis, sowohl gedanklich, als auch bei der Präsentation, vermieden werden. Denn wie heißt es so schön ? „Die Gedanken sind frei“. Das sollte auch für die Diskussion über Europa gelten. Besonders in der Schule.
Fotos : Artikellogo (cc) calonda/rockcohen/flickr (Fotomontage) ; Aufwachen (cc) European Parliament/Pietro Naj-Oleari/flickr ; Grenze (cc) Fundraisingnetz/flickr ; Europäisches Parlament (cc) anadorei/flickr


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